7.8.14

„Gegen Rassismus und rassistische Diskriminierung ankämpfen“

Une longue interview publiée sur le racisme et l'ethnocentrisme en Europe, sous format papier en mars 2014 par le magazine allemand Perspektif, et repris le 27 avril 2014 par la plateforme web Islam IQ.

Michael Privot ist Direktor des Europäischen Netzwerks Gegen Rassismus (ENAR). Wir sprachen mit ihm über den Kampf der Organisation gegen Ethnozentrismus, Rassismus und Diskiminierung in Europa.

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Der Kampf gegen Rassismus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe Symbolbild: Eine junge Frau wollte mit Gesichtsschleier in den Unterricht © by AK Rockefeller auf Flickr (CC BY-SA 2.0), bearbeitet islamiQ

Das Europäische Netzwerk gegen Rassismus (ENAR) kämpft gegen Rassismus, Rassendiskriminierung, Xenophobie und damit verbundene Formen der Intoleranz. ENAR will mit seinem Netzwerk aus über 600 Nichtregierungsorganisationen  den Rassismus und die Diskriminierung in den EU-Mitgliedsstaaten bekämpfen.
Wir sprachen mit Michael Privot, Direktor von ENAR, über Ethnozentrismus und den Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung.

IslamiQ: Wir sollten zunächst die Begriffe klären, bevor wir über Ethnozentrismus sprechen: Was ist der Unterschied zwischen den Begriffen Ethnozentrismus, Xenophobie und Rassismus? In welchem Verhältnis stehen diese Begriffe zueinander?
Michael Privot: Ethnozentrismus ist, bewusst oder unbewusst, auf kulturelle oder ethnische Abweichung bezogen, wobei ein Individuum die Welt nur aus der Perspektive seiner oder ihrer eigenen Gruppe sieht. Alle anderen Gruppen werden auf ihre Gruppe hin bewertet, die als „das Ideal“ betrachtet wird.
Xenophobie bezieht sich auf die irrationale Antipathie oder Furcht vor Menschen aus anderen Ländern. Diese richtet sich oft gegen (als solche wahrgenommene) Immigranten und Nicht-Einheimische.
Rassismus ist ein politischer Terminus mit tiefen, historischen Wurzeln, die den unbegründeten Glauben widerspiegeln, dass bestimmte „Rassen“ gegenüber anderen biologisch minderwertig seien. Die wörtliche Bedeutung des Ausdrucks Rassismus korreliert – was keine Überraschung ist – typischerweise mit den historischen, repressiven Strukturen des Kolonialismus und der Negrophobie und dem Aphartheidssystem in Südafrika. Er wurde auch benutzt, um Sklaverei und die historisch beständige Ungleichheit zwischen Weiß und Schwarz zu rechtfertigen. Dies wurde beispielsweise in den Vereinigten Staaten offenkundig durch Praktiken wie Trennung und Inhaftierung vollzogen.
Die traditionelle Auffassung von Rassismus hat sich zu einer individuellen und kollektiven Einstellung entwickelt. Dieses Verhalten beinhaltet die Reduzierung des „Anderen“ auf das, was man als „minderwertige“ oder negative Identitätsmerkmale ansieht. Das können die Herkunft oder die Hautfarbe, „Kultur“, Glauben oder Identität sein. Es sind soziale Konstruktionen von „biologischen Rassen“, die gekennzeichnet sind durch essenzielle Merkmale, die angeblich soziale Hierarchien und Diskriminierung rechtfertigen. Rassismus ist demnach wesentlich verknüpft mit den Machtverhältnissen zwischen Mehrheiten und Minderheiten innerhalb einer jeden Gesellschaft.

Ebenso drückt sich Rassismus typischerweise durch individuelle Praktiken, wie durch institutionelle Strategien und Prozesse, aus, auch wenn diese von ehrlichen Individuen ausgeführt werden. Diese Praxis des Rassismus hat zur Folge, dass Menschen hauptsächlich wegen ihrer Hautfarbe oder kulturellen Identität benachteiligt und diskriminiert werden. Die Konsequenz daraus ist, dass sie mit schlechteren Berufsaussichten und größeren Hindernissen in den Bereichen Gesundheit, Unterkunft und Ausbildung konfrontiert sind.
Diese Begriffe sind natürlich sehr eng miteinander verknüpft. Ethnozentrismus kann in Vorurteilen münden, die zu struktureller Diskriminierung, Xenophobie und Rassismus führen.

IslamiQ: Ethnozentristisches Denken ist ein Begriff, der schwieriger einzuordnen ist, als Rassismus und Xenophobie. Wann wird aus ethnozentristischem Denken ein vergleichbarer/strafbarer Begriff?
Michael Privot: Wenn ethnozentristisches Denken zu irgendeiner Form von Diskriminierung oder rassistischer Rede oder Gewalt führt, kann es zu einen vergleichbaren beziehungsweise strafbaren Kontext werden. Dies gilt genauso für Rassismus und Xenophobie: Die Freiheit des Bewusstseins und des Denkens sind vielleicht die einzige absolute Freiheit, dem sich ein Mensch erfreuen kann. Demzufolge ist jemand darin frei, in rassistischer, xenophober oder ethnozentristischer Weise zu denken. Aber es ist verboten, in der Öffentlichkeit rassistische oder xenophobe Reden zu halten, ebenso wie es verboten ist, sich diskriminierende oder rassistische Verhaltensweisen, Aktionen und Gewalttaten zu erlauben.

IslamiQ: Können Sie uns unter Berücksichtigung der Berichte und Untersuchungen von ENAR, Informationen über die Dimensionen der ethnozentristischen Sichtweise in Europa geben?
Michael Privot: Ethnozentrismus, so wie er definiert wurde, wird auf „natürliche“ Weise von jedem Individuum geteilt. Es hat eine Art anthropologische Dimension: Gerade weil jeder in einem spezifischen Umfeld, einer bestimmten Gesellschaft aufgewachsen ist, tendiert man dazu, diese als Maßstab zu sehen, um alle anderen Kulturen und Systeme, denen man begegnen wird, zu bewerten. Diese Sichtweise wird dann zu einem Problem, wenn sie als absolute Referenz dient und eine einzig mögliche Norm gilt, wie das Gute, das Schöne, das Wahre oder das Gerechte, zu sein hat.
Wenn jemand in der Lage ist, seine eigenen Maßstäbe zu relativieren und andere kulturelle Identitäten und Gesellschaften nicht zu hierarchisieren und zu diskriminieren, so ist dies in allem hilfreich, um Rassismus und einer damit verbundenen Diskriminierung entgegenzuwirken. Als die meisten Mitgliedsstaaten der EU von der ökonomischen und finanziellen Krise getroffen wurden, haben viele Politiker sich daran begeben, gegen Immigranten und ethnische Minderheiten Stimmung zu machen. An dieser Stelle kann man genug Argumente dafür aufzeigen, dass diese Sündenbockpolitik auf ethnozentristische Ansichten unter den Entscheidungsträgern zurückzuführen ist. Außerdem wurde in den EU-Staaten der politische Diskurs über Migranten ethnische und religiöse Minderheiten zunehmend zu einem sicherheitsbasierten Diskurs, in dem Migranten und ethnische Minoritäten als ökonomische, sicherheitspolitische und kulturelle Bedrohungen der Gesellschaft aufgezeigt wurden.
Zum Beispiel in Griechenland gelobte die rechtsextreme Partei der Goldenen Morgenröte, „das Land vor einer beispiellosen Invasion zu beschützen und das Immigrationsproblem zu beenden, dass sogar ein größeres Problem ist, als die finanzielle Krise.“ Ruža Tomašić, ein Politiker des rechten Flügels in Kroatien und jetzt Mitglied im Europäischen Parlament, bekundete: „Kroatien ist für Kroaten, während alle anderen nur Gäste sind.“
Die darauf folgende sicherheitsbasierte Position gegenüber Migranten und Minoritäten in der Gesellschaft kann, teilweise, mit der aktuellen sozioökonomischen Situation in Europa in Zusammenhang gebracht werden. In einigen Staaten werden Migranten und Minderheiten gemeinhin von der allgemeinen Bevölkerung für Probleme im Zusammenhang mit der globalen ökonomischen Krise als Sündenböcke missbraucht. In solch einem Umfeld könnte die geschürte Angst als Rechtfertigung benutzt werden, um Migranten und Minoritäten auf dem Arbeitsmarkt zu diskriminieren. In Griechenland vermarktet die Supermarktkette Galaxis ihre Produkte damit, indem sie hervorhebt, dass sie von „griechischen Händen“ produziert wurden.
Die politischen Auswirkungen, die gewöhnlich von dieser Art der Argumente gezeichnet sind, sind die, dass die Immigration Gegenstand rigider Kontrollen und zahlreicher Grenzen sein muss. Eine andere populäre Lösung, um den Arbeitsmarkt zu schützen, ist es, nationalistische Maßnahmen einzuführen, indem bevorzugt Vereinbarungen mit einheimischen Arbeitern getroffen werden. Migranten, die in Europa leben und arbeiten wollen, sind folglich dazu gezwungen, aufzuzeigen, dass sie niemandem die Arbeit stehlen werden, oder dass sie sich auf die Sorte von Tätigkeit beschränken, die Einheimische nicht machen wollen.

IslamiQ: Welche Aktivitäten führt ENAR durch, um gegen Ethnozentrismus vorzugehen? Welche Erfolge wurden bisher erzielt?
Michael Privot: Da Ethnozentrismus mehr ein soziologischer Begriff ist als eine rechtliche Kategorie, liegt der Fokus der Aktivitäten von ENAR darin, gegen Rassismus und rassistische Diskriminierung per se anzukämpfen. Aber natürlich können diese Phänomene, wie oben erwähnt, sehr eng mit Ethnozentrismus in Beziehung gesetzt werden.
Unser übergreifendes Ziel ist es, ein positives und zeitgemäßes Verständnis zu entwickeln und zu fördern, das die Vorteile eines rassismusfreien Europa und die entscheidende Bedeutung von Gleichheit und Vielfalt für eine lebendige europäische Gesellschaft und Wirtschaft anerkennt.
Wir arbeiten daran einen Gegendiskurs zu den rassistischen und xenophoben Diskursen zu entwerfen, der die Falschheit des offenkundigen Rassismus aufdeckt, welcher sich hinter „vernünftigen“ Argumenten versteckt, wonach Vielfalt und Gleichheit „schlecht“ für Europa seien. Wir produzieren Daten, Audiostücke und alternative Sichtweisen auf die europäischen Gesellschaften, die „den Faktor des positiven Beitrags von Migranten und ethnischen Minoritäten“ jeder Art hervorheben. Wir hoffen, dass auf diesem Wege die „positive Seite“ der Geschichte dieses enormen und weiterhin stattfindenden Beitrags von Migranten und ethnischen und religiösen Minoritäten in Europa sich in den Meinungen der Leute, mittels Wiederholung, Demonstration, ebenso durch Appelle an die Vernunft und die konstruktiven Emotionen der Menschen, etabliert. Ein kürzlich durchgeführtes Projekt sollte die vielen Beiträge, die Migranten und Minoritäten für unsere Gesellschaft leisten mithilfe unserer Publikation Hidden Talents, Wasted talents(versteckte Talente, verschwendete Talente) aufzeigen.
Was jene Erfolge anbetrifft, können wir hier einige anführen. So die Tatsache, dass diese Publikation das Interesse vieler Politiker geweckt und die Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen hat, sodass sogar einige europäische Beamte – einschließlich Kommissare – damit begonnen haben, die Geschichte des positiven Beitrags der Migranten zu übernehmen. Wir werden diese Publikationen ausbauen, indem wir Beispiele und Zeugnisse sammeln, um sie unserer positiven Geschichte hinzuzufügen.
Auf einer anderen Ebene trug der ENAR Shadow-Report 2012 dazu bei, die Diskussion auf das starke Erscheinen von Islamophobie in Europa zu verschieben. Höchste europäische politische Behörden und Personen wie Kommissar Reding, der für Grundrechte und Staatsangehörigkeit verantwortlich ist, begannen Islamophobie als ein zentrales Problem zu benennen.

IslamiQ: Was sind für Sie die Gründe für die ethnozentrische Sichtweise gegen beispielsweise türkisch- und arabischsprachige Muslime?
Michael Privot: In dieser Beziehung ist schon viel geschrieben worden. Wir können sagen, „der“ Muslim ist in gewisser Weise konstruiert als der „perfekte Andere“: Es gibt eine (wahrgenommene) andere Religion, (wahrgenommene) andere Werte, (wahrgenommene) andere Moral (oder gar keine Moral), oft eine andere Hautfarbe, eine andere Sprache, andere Kulturen und Geschichten und eine konkurrierende „universalistische“ Weltanschauung. Alle Register wurden gezogen, um Muslime fremd, gegensätzlich und als Menschen erscheinen zu lassen, zu denen es schwierig ist, eine Beziehung aufzubauen.
Im realen Leben verstehen die Leute, dass die Muslime, mit denen sie interagieren, wenig mit dieser archetypischen Sorte der Darstellungen zu tun haben. Trotzdem sind es die Medien, Konversationen bei der Arbeit oder am Esstisch, durch das sie all diese Informationen über Muslime und den Islam erhalten… Dies fördert die Islamophobie, die wir überall in Europa sehen, sogar an Orten, wo kein Muslim zu finden ist. Dies ist das für Europa spezifische Kernmerkmal der Identitätsbildung. Vielleicht kommen wir später auf diesen Punkt zurück.

IslamiQ: Denken Sie, dass die staatlichen Projekte gegen Ethnozentrismus in Europa ausreichend sind?
Michael Privot: Durchaus. Bedauerlicherweise mangelt es vielen politischen Akteuren des Mainstreams an Courage und Führungskraft, um mit den negativen Geschichten über Migranten und ethnische Minoritäten, die vom rechten Rand des politischen Spektrums generiert werden, die Gleichheit voranzutreiben und auf Konfrontationskurs zu gehen. Die Sündenbockpolitik gegenüber ethnischen und religiösen Minoritäten wird von vielen Politikern benutzt, um von den „wirklichen Problemen“ abzulenken und um den Mangel an Vision und Führungskraft, der von ihnen erwartet wird, um eine Verbesserung der europäischen Gesellschaften hervorzurufen, zu überspielen.
Heutzutage brauchen wir mehr denn je einen politisch starken Einsatz, um Rassismus aufzuhalten beziehungsweise zu verhindern und die Gleichbehandlung und den Schutz der Menschenrechte für alle in Europa zu gewährleisten. Politiker müssen führend aufzeigen und die Botschaft vermitteln, dass der gleichberechtigte Zugang zu Arbeitsplätzen, einer Unterkunft und die schulische Ausbildung entscheidend für die Bildung einer dynamischen, wohlhabenden und zusammenhaltenden Gesellschaft sind. Gleichsam sollten sie die Vorteile der Migration und die Vielfalt für Europäer, hinsichtlich der sozialen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Erfolge, aufzeigen. Zudem sollten sie die Bildung eines Bestands an „verschwendeten Talenten“ bei Migranten, ethnischen und religiösen Minderheiten in Europa verhindern.
Statt der Annahme, dass Sparmaßnahmen die Wiederbelebung der Wirtschaft unterdrücken, sollten europäische Regierungen Maßnahmen für das reale Wachstum aufstellen. Ebenso sollten sie massiv in die Sozialpolitik, in Gleichberechtigung und Gleichbehandlung investieren, dass ein wertvolles und gewaltiges Potenzial für ein geschicktes Wirtschaftswachstum sorgen kann, dass wiederum ermöglichen würde, die Finanz- und Wirtschaftskrise durchzustehen und sicherzustellen, dass niemand gesellschaftlich ausgegrenzt wird.

IslamiQ: Medien besitzen die Möglichkeit, die Wahrnehmung der Menschen des „Anderen“ zu beeinflussen. Was denken Sie über die Haltung der Medien in Europa zum Ethnozentrismus? Ist es möglichzu sagen, dasseine Art von Sensibilität in den europäischenMediengibt?
Michael Privot: Die Medien habensicherlicheinen entscheidenden Einfluss und eine große Wirkung auf die allgemeineWahrnehmungvon Migranten undethnischen/religiösenMinderheiten. Die Berichterstattung über ethnische Minderheiten ist laut allen Shadow-Reports grundsätzlich negativ und verzerrt. Es herrscht bei den Medien die Tendenz, Migranten und Asylbewerber für die hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität verantwortlich zu machen. Social-Media und Social-Networking sind zudem ein wachsenderRaum für die Verbreitung von ausländerfeindlichen, islamophoben und rassistischen Diskursen.
Weiterhin gibt es die Besorgnis über diefehlende beziehungsweise mangelnde Regulierungder traditionellen(Print- und Broadcast)als auch der sozialen Medien. Beispielsweise führen in Zypern die meisten Medien, trotzeines Kodexder Verhaltensregulierung der Medien, rassistische und fremdenfeindliche Meinungen weiter.Irlands Medien-Beschwerdekommission (Press Complaints Commission)und das Amt desPresse-Ombudsmanns haben festgestellt, dass sich 23,5 % der Beschwerden, die sie im Jahr 2011erhielten, auf Vorurteile bezogen (ein Anstieg von 9, 6%im Vergleich zum Jahr 2010).
Dennoch wurden durch die Zivilgesellschaft, Medienagenturen und Regierung verschiedene Aktionen durchgeführt, um eine bessere Berichterstattung zu fördern und die Beteiligung ethnischer Minderheiten in den Medien zu verbessern. Der österreichische Rundfunk hat wöchentlich lokale Nachrichten, die in Türkisch und Deutsch ausgestrahlt werden, eingerichtet. Auch die BVM-Medien haben eine österreichische Migranten-Presse-Agentur aufgebaut. Deutschland hat das Interkulturelle JournalistInnen Netzwerk des Journalistenverbands Berlin-Brandenburg ins Leben gerufen, das Journalisten aus verschiedenen kulturellen Hintergründen eine Plattform bietet, um über ihre Erfahrungen zu sprechen. Mit der britischen „Creativity Diversity Network“ ist ein Forum gegründet worden, um Best-Practice Beispiele zur Förderung der Vielfalt in den Medien zu zeigen. Die griechischen Medien haben einen Verhaltenskodex angenommen, wodurch der nationale Rundfunk- und Fernsehrat Sanktionen in Fällen, in denen rassistisches Material veröffentlicht wird, verhängen kann. In Slowenien haben acht der größten Internet-Medienportale eine Vereinbarung akzeptiert, um Hassreden zu regulieren.

IslamiQ: Wie könnten ethnische Minderheiten in Europa in aktuelle Aktivitäten für die Überwindung ethnozentrischen Denkens eingebunden werden?
Michael Privot: Eine besonders relevante Möglichkeit, wie Minderheiten einbezogen werden können, sind die anstehenden Europawahlen. EU-Bürger, die ethnischen und religiösen Minderheiten angehören, können eine Schlüsselrolle bei den nächsten Wahlen spielen oder zumindest den Erfolg der Parteien, die rassistische und fremdenfeindliche Ansichten und Politik vertreten, den Zugang zum Europäischen Parlament begrenzen. Diese Wahlen sind eine Chance zu wählen und zu gewährleisten, dass die Europäische Union weiterhin für die Menschenrechte und Gleichheit steht. Tatsächlich kann nur durch unser Engagement und mit den entsprechenden Kandidaten unser Anliegen gehört und unsere Interessen vertreten und damit unsere Rechte geschützt werden.

IslamiQ: Wie können ethnische und religiöse Minderheiten in Europa dem ethnozentrischen Paradigma entkommen, das sie zu „Anderen” macht? Was können Menschen machen, die aufgrund der ethnozentrischen Perspektive einer Diskriminierung ausgesetzt sind?
Michael Privot: Das Erste, was die Diskriminierungsopfer tun können, ist es, über diese Fälle zu berichten. Dies kann durch die nationale „Gleichstellungsstelle“, die Polizei oder mithilfe von NGOs geschehen, die Antidiskriminierungsarbeit leisten. Gleichstellungsstellen sind staatliche Stellen, die Opfern von Diskriminierung unabhängige Beratung, Unterstützung und Informationen bieten sollen. Allerdings sind nationale Gleichstellungsstellen aus verschiedenen Gründen nicht immer in der Lage, zu helfen, da ein begrenztes Mandat vorliegt, ein Mangel an Unabhängigkeit gegeben ist oder Ressourcen fehlen. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) spielen deshalb auch eine Schlüsselrolle bei der Bereitstellung von Informationen sowie der Beratung und Betreuung oder Vermittlung von Hilfe.
In Bezug auf den ersten Teil Ihrer Frage glauben wir nicht, dass wir – einschließlich uns selbst – irgendjemanden vom ethnozentrischen Paradigma, das wir als anthropologischen Faktor sehen, „heilen“ können. Wir müssen daher auf verschiedenen Feldern agieren: Die Bildung der Vielfalt vom frühen Alter an, mit einem Fokus auf die Dekonstruktion ethnozentrischer Paradigmen; die Durchsetzung der Antidiskriminierungspolitik, um die Menschen auf alles, was in der Öffentlichkeit nicht gesagt oder getan werden kann, zu erinnern; die Stärkung der rechtlichen Verpflichtungen der Arbeitgeber, um ihre Belegschaft in Bezug auf verschiedene Ethnien, Kulturen und Dinge zu differenzieren…
Aber punktuelle Maßnahmen werden nicht genug sein: Der Rassismus und der damit verbundene Diskriminierungsaspekt müssen auf allen Ebenen angegangen werden. Wir zeigen europäischen, nationalen, regionalen und lokalen Entscheidungsträgern ganzheitliche Pläne auf, um die verschiedenen Formen der Diskriminierung gemeinsam anzugehen, da diese häufig miteinander verknüpft sind und die Auswirkungen auf das Leben der Menschen in verschiedenen, aber sich gegenseitig verstärkender Art und Weise zeigen. Dies erfordert ausgearbeitete Strategien sowie ausreichende Ressourcen: Tatsächlich sind in unseren Gesellschaften die Umverteilung von Macht und Reichtum mit den Antidiskriminierungsmaßnahmen sehr stark verbunden.

IslamiQ: Das Konzept „Europa“ basiert zur Gänze auf Europa und den „Anderen“. Entsteht insofern – zwischen Europa außereuropäischen Gruppen – nicht automatisch ein Ethnozentrismus oder ein „Othering“?
Michael Privot: In der Tat ist die Grundlage der europäischen Identität auf einer Mentalität des „Wir-gegen-andere“ gegründet. Dies liegt in der lange Geschichte Europas: Die europäischen Gesellschaften waren in der Regel schon immer mit Schwierigkeiten wie die Vielfalt und der sozialen Komplexität zu verwalten, konfrontiert. Juden, Katharer, Protestanten, Muslime, Basken, Roma … Immer wieder werden ethnische oder religiöse Minderheiten vor die Möglichkeit der Assimilation gestellt, und zwar nicht mittelfristig.
Der Umgang mit Vielfalt in Europa ist in einer Weise exklusivistisch, ganz anders als das, was in der Türkei oder in Indonesien, wo der Identitätsprozess eher ein integrativer Unterschied ist, sofern die Minderheiten ein paar „übergeordnete Prinzipien“ akzeptieren. In jedem Fall haben sich diese europäischen Gesellschaften diese Logik in den letzten Tausend Jahren angeeignet. Es wird sich nichts über Nacht ändern, aber in dieser Hinsicht sind die Veränderungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden haben, beeindruckend, auch wenn wir sehr weit von der idealen Gesellschaft leben.
Außerdem verlaufen solche massiven Gesellschafts- und Paradigmenwechsel nicht linear. Es wurden Fortschritte erzielt, aber wir sind von der „giftigen“ Vergangenheit nicht vollends befreit. Es ist ein Kampf für Minderheiten und Personen, für die eine Menge erreicht worden ist. Aber wenn wir ehrlich sind, werden die nächsten zwei, drei Generationen, die Ergebnisse unserer Arbeit, nicht sehen.
In dieser Arbeit steckt auch viel Schönes: Unser Kampf für die Gleichheit in der Vielfalt hat tiefe Wurzeln, die bis in die Renaissance, bis zu den französischen- und amerikanischen Revolutionen, bis zur Bürgerrechtsbewegung zurückgehen. Was wir tun, ist, nur einen neuen Ziegelstein an der Wand des „Hauses der Gleichheit“ anzubringen und gleichzeitig ein Schloss mit einem Schlüssel einzubauen, für diejenigen, die das Haus betreten möchten…


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